Mia muss sich entscheiden: Soll sie bei ihrem Freund Adam und ihrer Familie bleiben - oder ihrer Liebe zur Musik folgen und für eine Karriere als Cellistin nach New York gehen? Und dann ist auf einmal nichts mehr, wie es war: Auf glatter Fahrbahn rast ein Lkw in das Auto, in dem Mia sitzt. Mit ihrer Familie. Sie verliert alles und steht vor der wahren Entscheidung des Lebens: Bleiben oder gehen? Ein außergewöhnlicher, berührender Roman über die Liebe, über Freunde, Familie und das Leben. Es gibt wenige Bücher, die man nie vergisst. Dieses ist eines! Unsentimental, tröstlich und wunderbar weise.
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9783764503512
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Unsere Empfehlung für Sie: Mein Leben ohne Gestern
Alle glauben, dass es am Schnee lag. Und irgendwie stimmt das wohl.
7.09 Uhr Ich wache auf und sehe, dass der Rasen vor unserem Haus von einer dünnen Decke aus
puderigem Weiß überzogen ist. Der Schnee liegt keine drei Zentimeter hoch, aber in diesem Teil von
Oregon reicht schon ein Hauch von Pulverschnee, um alles zum Stillstand zu bringen und den
einzigen Schneepflug im ganzen Bezirk auf die Straße zu treiben. Dabei sind es nicht einmal richtige
Eiskristalle, sondern nur nasse Flocken, die vereinzelt aus dem Himmel fallen. Wegen des Schnees
so wenig es auch sein mag fällt die Schule aus. Mein kleiner Bruder Teddy stößt ein Kriegsgeheul
aus, als im Radio der Ausfall des Unterrichts verkündet wird. "Schneefrei!", brüllt er. "Komm, Dad, wir
bauen einen Schneemann." Mein Vater lächelt und klopft leicht auf seine Pfeife. Er hat erst kürzlich
mit dem Rauchen angefangen. Das gehört zu seinem Retrokick, nach dem Motto der 1950er-Jahre:
Vater ist der Beste. Er trägt sogar eine Fliege. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich auf den Kram
steht oder ob er damit nur alle auf den Arm nehmen will. Vielleicht ist es seine ganz eigene Art
auszudrücken, dass er früher zwar ein Punk war, heute aber Mittelstufenschüler in Englisch
unterrichtet. Aber vielleicht hat es ihn auch tatsächlich um Jahrzehnte zurückgeworfen, dass er Lehrer
geworden ist. "Du kannst es gerne versuchen", sagt mein Vater zu Teddy. "Aber das Zeug bleibt ja
kaum liegen. Vielleicht solltest du keinen Schneemann, sondern eine Schneeamöbe bauen." Es ist
nicht zu übersehen, dass mein Vater glücklich ist. Der Schneestaub da draußen bedeutet, dass alle
Schulen im Umkreis geschlossen bleiben, einschließlich meiner Highschool und der Schule, in der
mein Vater angestellt ist. Und ein freier Tag kommt nie ungelegen. Meine Mutter, die in einem
Reisebüro in der Stadt arbeitet, schaltet das Radio aus und schenkt sich eine zweite Tasse Kaffee ein.
"Tja, wenn ihr heute schwänzt, dann werde ich ganz bestimmt nicht ins Büro gehen. Das wäre doch
überhaupt nicht fair." Sie nimmt den Hörer ab und sagt ihrem Chef, dass sie sich heute freinimmt.
Danach schaut sie uns an. "Soll ich Frühstück machen?" Mein Vater und ich brechen in schallendes
Gelächter aus. Meine Mutter kriegt Müsli und Toast hin, mehr nicht. Mein Vater ist der Koch in der
Familie. Meine Mutter tut so, als würde sie uns nicht hören, und holt aus dem Küchenschrank eine
Packung mit Fertigbackmischung. "Also bitte! Wie schwer kann das schon sein? Wer will
Pfannkuchen?"
"Ich! Ich!", brüllt Teddy. "Mit Schokostückchen, ja?" "Warum nicht?", erwidert meine Mutter. Teddy
stimmt sein zweites Kriegsgeheul an diesem Morgen an und wedelt wild mit den Armen. "Du hast
heute viel zu viel Energie", sage ich. Und zu meiner Mutter gewandt: "Du solltest ihm nicht so viel
Kaffee geben." "Er kriegt doch nur entkoffeinierten!", gibt meine Mutter schmunzelnd zurück. "Er
strotzt einfach von Natur aus vor Kraft." "Solange du mir keinen Seniorenkaffee gibst, ist mir das
egal", erkläre ich. "Das wäre ja Kindesmisshandlung", kontert mein Vater. Meine Mutter reicht mir
eine dampfende Tasse und die Zeitung. "Da ist ein hübsches Bild von deinem Liebsten drin", sagt
sie. "Echt? Ein Bild?" "Ja. Viel mehr haben wir diesen Sommer ja nicht von ihm zu sehen
bekommen", sagt meine Mutter und schaut mich kurz von der Seite her an. Dabei zieht sie eine
Augenbraue hoch das versteht sie unter einem bohrenden Blick. "Ich weiß", sage ich, und dann
seufze ich, ohne es zu wollen. Mit Adams Band "Shooting Star" geht es steil aufwärts, was wirklich
toll ist im Großen und Ganzen.
"Ach, der Ruhm verschwendet an die Jugend", sagt mein Vater, aber er lächelt dabei. Ich weiß, dass
er sich für Adam freut, sehr sogar. Ich blättere durch die Zeitung, bis ich den Veranstaltungskalender
finde. Da steht eine kleine Notiz über "Shooting Star", mit einem noch kleineren Bild von den vier
Bandmitgliedern, direkt neben einem großen Artikel über die Band "Bikini" und einem riesigen Bild
von deren Sängerin: Punkrock-Diva Brooke Vega. Die Notiz erklärt nur knapp, dass "Shooting Star",
eine Band aus dieser Stadt, in Portland als Vorgruppe für "Bikini" spielen wird, die derzeit auf
landesweiter Tournee sind. Die Tatsache, dass "Shooting Star" gestern Abend ein Konzert in Seattle
gegeben haben und dass der Klub laut Adam bis auf den letzten Platz ausverkauft war, wird nicht
erwähnt. Adam hatte mir um Mitternacht eine SMS geschickt. "Gehst du heute Abend hin?", fragt
mein Vater. "Ich wollte eigentlich schon. Es kommt darauf an, ob nicht vielleicht im ganzen Land
wegen des Schnees die Bürgersteige hochgeklappt werden." "Aber sieh doch selbst: Es ist
tatsächlich ein Schneesturm", sagt mein Vater und deutet auf eine einzelne Schneeflocke, die vor
dem Fenster zu Boden trudelt. "Ich soll mich außerdem noch bei irgendeinem Pianisten vom College
melden, den Professor Christie ausgegraben hat, und einen Termin mit ihm vereinbaren." Professor
Christie, eine pensionierte Musikdozentin an der Universität, mit der ich in den letzten Jahren
gearbeitet habe, ist immer auf der Suche nach neuen Opfern, die mit mir spielen müssen. "Das hält
dich auf Trab, damit du all den Snobs in Juilliard zeigen kannst, wie man es richtig macht", sagt sie.
Ich bin noch nicht einmal in Juilliard aufgenommen, obwohl das Vorspielen ziemlich gut lief. Die Bach-
Suite und das Stück von Schostakowitsch sind aus mir herausgeflossen wie noch nie zuvor, als ob
meine Finger eine Verlängerung von Saiten und Bogen wären. Als ich fertig war keuchend, mit
zitternden Beinen, weil ich sie so fest zusammengepresst hatte , hat einer der Juroren tatsächlich
applaudiert, was ich für ein gutes Zeichen hielt. Ich nehme an, das passiert dort nicht sehr oft. Als ich
aus dem Zimmer schlurfte, erklärte mir derselbe Juror, es sei eine ganze Weile her, dass man in der
Schule ein "Oregon-Mädchen vom Lande" gesehen habe. Professor Christie nahm seine Worte als
Garantie, dass ich die Prüfung bestanden hätte. Ich bin mir allerdings nicht so sicher. Und ich bin mir
auch nicht hundertprozentig sicher, dass ich es will. Genauso wie "Shooting Stars" kometenhafter
Aufstieg würde meine Aufnahme in Juilliard einige Probleme mit sich bringen, oder, besser gesagt, die
Schwierigkeiten, die sich in den letzten Monaten entwickelt haben, noch weiter vergrößern. "Ich
brauche noch mehr Kaffee. Sonst noch jemand?", fragt meine Mutter und baut sich neben unserer
uralten Kaffeemaschine auf.
Ich ziehe den Geruch des Kaffees durch die Nase ein, das reiche, dunkle, ölige Aroma der
französischen Marke, die wir alle lieben. Allein schon der Duft muntert mich auf. "Ich glaube, ich gehe
wieder ins Bett", sage ich. "Mein Cello ist in der Schule, also kann ich nicht mal üben." "Nicht üben?
Vierundzwanzig Stunden lang nicht üben? Da hüpft mir ja das Herz im Leib!", grinst meine Mutter.
Obwohl sie sich mit den Jahren an die klassische Musik gewöhnt hat "das ist so ähnlich, als müsste
man lernen, einen stinkenden Käse zu genießen" , ist sie nicht immer ein dankbares Publikum für
meine endlosen Übungsstunden. Von oben ertönt ein Krachen und Dröhnen. Teddy hämmert auf
seinem Schlagzeug herum. Es hat früher meinem Vater gehört, als er noch in einer Band spielte, die
in unserer Stadt ganz groß herauskam, anderswo aber völlig unbekannt blieb. Nebenbei arbeitete er
in einem Plattenladen. Mein Vater grinst über den Krach, den Teddy veranstaltet. Bei dem Anblick
verspüre ich einen vertrauten Stich. Ich weiß, es ist lächerlich, aber ich habe mich schon oft gefragt,
ob mein Vater wohl enttäuscht darüber ist, dass es mich nicht zur Rockmusik hingezogen hat. Ich
habe es ja versucht. Aber dann, in der dritten Klasse, bin ich eines Tages im Musikunterricht zum
Cello geschlendert es wirkte auf mich fast menschlich. Es sah so aus, als ob ich es nur in die Hand
nehmen müsste, damit es mir seine Geheimnisse anvertrauen würde. Und so fing ich an zu spielen.
Seitdem sind fast zehn Jahre vergangen, und ich habe nicht mehr damit aufgehört. "So viel zu
deinem Plan, wieder ins Bett zu gehen." Meine Mutter muss brüllen, um Teddys Radau zu übertönen.
"Schaut euch das an, der Schnee schmilzt schon wieder", sagt mein Vater. Ich gehe zur Hintertür und
werfe einen Blick hinaus. Ein Flecken aus Sonnenlicht glüht dort, wo die Wolken aufgerissen sind, und
ich kann hören, wie sich das Eis zischend in Tropfen verwandelt. Ich mache die Tür wieder zu und
gehe zurück in die Küche. "Meiner Meinung nach haben die Behörden überreagiert", sage ich. "Mag
sein, aber ihre Entscheidung können sie nicht mehr rückgängig machen. Die Schulen bleiben
geschlossen, und ich habe mir heute freigenommen", sagt meine Mutter. "In der Tat. Aber wir
könnten doch die unerwartete Gelegenheit beim Schopf packen und irgendwo hinfahren", erwidert
mein Vater. "Wir könnten einen Ausflug machen. Henry und Willow besuchen." Henry und Willow
sind zwei der Musikerfreunde meiner Eltern aus alten Tagen, die mittlerweile auch ein Kind
bekommen und beschlossen haben, sich endlich wie Erwachsene zu benehmen. Sie wohnen auf
einer großen, alten Farm. Die Scheune haben sie zu einem Büro umgebaut, und Henry bastelt dort
Websites. Willow arbeitet in einem Krankenhaus. Sie haben ein kleines Mädchen. Das ist auch der
Grund dafür, dass meine Eltern sie besuchen wollen. Teddy ist gerade acht geworden, und ich bin
siebzehn, was bedeutet, dass wir schon seit ewigen Zeiten aus dem Alter heraus sind, in dem Kinder
diesen säuerlichen Milchgeruch verströmen, bei dem Erwachsene dahinschmelzen. "Wir können auf
dem Heimweg bei Book-Barn anhalten", sagt meine Mutter. Damit hat sie einen Köder für mich
ausgeworfen. Book-Barn ist ein riesiges, verstaubtes Antiquariat. Ganz hinten stapeln sich
Schallplatten mit klassischer Musik für fünfundzwanzig Cents, die außer mir scheinbar niemand kauft.
Ich habe schon einen ganzen Haufen davon unter meinem Bett liegen, gut versteckt, versteht sich.
Eine Sammlung klassischer Schallplatten ist nichts, was man herausposaunen sollte. Ich habe sie
Adam gezeigt, aber erst, als wir schon fünf Monate zusammen waren. Ich dachte, er würde mich
auslachen. Er ist so ein cooler Typ mit seinen Röhrenjeans und den schwarzen Convers-Tretern, den
gekonnt ausgewaschenen Punkrock-T-Shirts und den unauffälligen Tattoos. Er ist so ganz und gar
nicht der Typ, den man in meiner Gesellschaft erwarten würde. Deshalb dachte ich auch, dass er sich
über mich lustig machte, als ich ihn vor zwei Jahren das erste Mal dabei erwischte, wie er mich im
Musikstudio in der Schule anstarrte, und ich glaubte, ich müsste ihm aus dem Weg gehen. Wie auch
immer, er lachte mich nicht aus. Es stellte sich heraus, dass er selbst eine Sammlung verstaubter
Punk-Scheiben unter seinem Bett versteckt hält. "Wir können auch bei Gran und Gramps zu einem
frühen Abendessen einfallen", sagt mein Vater und greift bereits zum Telefon. "Und wir sind bestimmt
früh genug wieder da, damit du rechtzeitig nach Portland kommst", fügt er hinzu, während er die
Nummer meiner Großeltern wählt. "Ich bin dabei", verkünde ich. "Teddy!", ruft mein Vater. "Zieh
dich an. Wir gehen auf Abenteuerfahrt!" Teddy beendet sein Schlagzeugsolo mit scheppernden
Schlägen auf die Becken. Einen Augenblick später kommt er vollständig angekleidet in die Küche
gerast, als ob er sich seine Sachen unterwegs angezogen hätte, während er die steile hölzerne
Treppe unseres zugigen viktorianischen Hauses nach unten gepoltert kam.
"School's out for summer ...", singt er. "Alice Cooper?", fragt mein Vater mit gespielter Empörung.
"Haben wir denn neuerdings keinen Geschmack mehr? Sing wenigstens irgendwas von den
>Ramones<." "School's out forever!", grölt Teddy ungerührt weiter. "Freu dich bloß nicht zu früh",
sage ich. Meine Mutter stellt einen Teller mit leicht angebrannten Pfannkuchen auf den Küchentisch.
"Greift zu, Leute", befiehlt sie.
Aus dem Englischen übersetzt von Alexandra Ernst
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Gayle Forman arbeitete viele Jahre als Journalistin, u. a. für »Cosmopolitan«, »Glamour« und »Elle«. Ihr erstes Buch schrieb sie über ihre einjährige Weltreise mit ihrem Mann Nick, dem inzwischen weitere preisgekrönte Bücher gefolgt sind. »Wenn ich bleibe« wurde in den USA zum Überraschungserfolg der »New York Times«-Bestsellerliste. Gayle Forman lebt mit ihrer Familie in New York.
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