Irland, 1845. Kathleen und Michael träumen von einem gemeinsamen Leben in der neuen Welt. Aber als Michael verurteilt und nach Australien verbannt wird, muss die schwangere Kathleen einen Viehhändler heiraten, der nach Neuseeland auswandert. Michael gelingt in der Zwischenzeit mit der einfallsreichen Lizzie die Flucht, und das Schicksal verschlägt die beiden ebenfalls nach Neuseeland. Seine Liebe Kathleen kann er allerdings nicht vergessen ... Von der Besiedelung Neuseelands bis zum Goldrausch - Sara Lark liefert vor einer atemberaubenden Kulisse fantastische Unterhaltung voller großer Gefühle.
EAN:
206004114985
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Würde - Irland, Wicklow County 1846 1847
Kapitel 1
Mary Kathleens Herz klopfte heftig, aber sie zwang sich, langsam zu gehen, bis sie außer Sicht des
Herrenhauses war. Nicht dass ihr wirklich jemand nachgeblickt hätte. Und selbst wenn die Köchin etwas ahnte
gegen das, was die alte Grainné vom Haushalt der reichen Wetherbys abzweigte, zählten zwei Teekuchen gar
nichts. Mary Kathleen fürchtete denn auch keine wirklichen Verfolger, als sie sich jetzt zitternd hinter eine der
Steinmauern kauerte, die hier, wie überall in Irland, die Felder begrenzten. Sie boten Schutz gegen den Wind und
neugierige Blicke, aber vor ihren Schuldgefühlen konnten sie Kathleen nicht schützen. Sie, Mary Kathleen, die
Musterschülerin des Bibelunterrichts von Father O'Brien, sie, die bei der Firmung stolz den Namen der
Gottesmutter ihrem eigenen vorangesetzt hatte sie hatte gestohlen ! Kathleen konnte immer noch nicht fassen,
was da über sie gekommen war, aber als sie das Tablett mit den Teekuchen in die Räume der vornehmen Lady
Wetherby getragen hatte, war ihr Verlangen geradezu übermächtig geworden. Scones, frisch gebacken aus
weißem Mehl und nicht minder weißem Zucker, serviert mit Marmelade, die nicht einfach aus Beeren gekocht
worden, sondern in hübschen kleinen Gläsern aus England gekommen war. Laut der Aufschrift, die Kathleen
mühsam entzifferte, wurde sie aus "Orangen" hergestellt. Was immer das war sicher schmeckte es köstlich !
Kathleen brauchte all ihre Kraft, die Kuchenplatte vorsichtig zwischen Lady Wetherby und ihrer Besucherin auf
dem Teetisch zu platzieren, zu knicksen und höflich "Bitte sehr, Madam !" zu flüstern, ohne dabei zu sabbern wie
der Hund des Schäfers. Bei dem Gedanken daran musste sie hysterisch kichern. Aber sie war fast ein bisschen
stolz auf sich gewesen, als sie zurück in die Küche ging wo die alte Grainné sich gerade eines der leckeren
Küchlein schmecken ließ. Natürlich ohne Kathleen oder dem Küchenmädchen auch nur einen Krümel davon
abzugeben. "Mädchen !", pflegte Grainné zu predigen, "ihr könnt eurem Herrgott schon genug dafür danken,
dass ihr diese Anstellung im Herrenhaus ergattert habt. Da fällt immerhin mal ein Kanten Brot für euch ab.
Jetzt, in der Zeit, in der die Kartoffeln auf den Feldern verfaulen und die Menschen hungern, kann das euer Leben
retten !" Kathleen sah dies durchaus ein ihre Familie war ohnehin vom Glück begünstigt. Als Schneider verdiente
ihr Vater immer ein wenig Geld. Die O'Donnells waren nicht allein auf die Kartoffeln angewiesen, die Kathleens
Mutter und die Geschwister auf ihrem winzigen Acker zogen. Wenn die Not zu groß wurde, nahm James
O'Donnell von seinen wenigen Ersparnissen und kaufte Lord Wetherby oder seinem Verwalter Mr. Trevallion eine
Handvoll Korn ab. Kathleen hatte keinen Grund zu stehlen und doch hatte sie es getan. Warum mussten Lady
Wetherby und ihre Freundin aber auch zwei der Teekuchen übrig lassen? Warum hielten sie kein Auge darauf,
während Mary Kathleen den Tisch abräumte? Die Damen waren ins Musikzimmer gegangen, wo Lady Wetherby
Klavier gespielt hatte. Die restlichen Scones interessierten sie nicht, und Grainné, das hatte Kathleen gewusst,
würde auch nicht misstrauisch werden. Lady Wetherby war jung und ein Leckermaul. Sie ließ selten Naschereien
zurückgehen. Also hatte Kathleen es getan. Sie hatte die Scones in den Taschen ihrer schmucken
Dienstbotenuniform und später zwischen den Falten ihres verschlissenen blauen Kleides versteckt und zu guter
Letzt einen weiteren Diebstahl begangen, indem sie das fast leere Marmeladenglas einsteckte, statt es auf
Grainnés Geheiß auszuspülen. Nun war das eine lässliche Sünde, sie würde es sauber zurückbringen, wenn sie
es ausgekratzt hatte. Der Diebstahl der Scones jedoch würde ihr auf der Seele brennen, bis sie am Samstag bei
Father O'Brien beichten konnte. Wenn sie sich überhaupt traute, es zu beichten. Sie wusste, dass sie vor Scham
im Boden versinken würde. Mary Kathleen bereute ihre Sünde jetzt schon zutiefst obwohl sie die Scones noch
nicht einmal gegessen hatte. Aber sie verzehrte sich nach ihrem Geschmack und ihrem Duft. Gott, hilf mir !,
durchfuhr es sie, während sie überlegte, ob sie die Sünde abschwächen konnte, indem sie ihren jüngeren
Geschwistern die Teekuchen schenkte. Das wäre zumindest tätige Reue gewesen und eine viel härtere Strafe
als das Herunterbeten von zwanzig Ave Maria. Aber die Kinder würden sich zweifellos mit ihrer Leckerei großtun,
und wenn Kathleens Eltern von der Sache erführen ... Nein, das kam nicht infrage !
Und dann wurde es noch schlimmer ! Während Kathleen fromm darüber nachdachte, wie sie ihre Sünde büßen
konnte, blitzte ein Wunsch in ihr auf, der ihr Herz angstvoll schneller schlagen ließ. Oder schuldbewusster? Oder
einfach ... freudiger? Sie konnte die Teekuchen mit Michael teilen ! Michael Drury, dem Bauernsohn von
nebenan, der mit seiner Familie in einem noch winzigeren, noch verräucherteren und noch armseligeren Cottage
wohnte als Kathleen. Michael hatte an diesem Tag sicher noch gar nichts gegessen, außer vielleicht ein paar
Kornähren, auf denen die Jungen herumkauten, während sie die Ernte für Lord Wetherby einbrachten. Schon das
galt als ein Verbrechen, das Mr. Trevallion mit Schlägen ahndete, wenn er sie dabei erwischte. Das Korn war für
die Herren, die Kartoffeln waren für die Knechte. Und wenn die Kartoffeln auf den Feldern verfaulten, dann
mussten die Bauern eben sehen, wo sie blieben. Die meisten fanden sich damit ab. Michaels Mutter zum Beispiel
sah die rätselhafte Kartoffelfäule als Strafe Gottes und versuchte in täglichen Gebeten herauszufinden, was den
Herrn so erzürnt hatte, dass er dieses Elend über sie brachte. Michael und ein paar andere junge Männer
erregten sich über Mr. Trevallion und Lord Wetherby, die erfreut eine reiche Weizenernte einfuhren, während die
Kinder der Pächter verhungerten. Mary Kathleen dachte versonnen an Michaels verwegenen Gesichtsausdruck,
wenn er auf die Landlords schimpfte, seine gerunzelte Stirn unter dem wirren, dunklen Haar und das Blitzen
seiner leuchtend blauen Augen. Ob Gott es wirklich als Buße ansah, wenn sie die Scones mit ihrem Freund
teilte? Zweifellos stillte sie damit seinen Hunger aber auch ihr Verlangen, mit dem großen, hageren jungen Mann
zusammen zu sein. Seine tiefe Stimme betörte sie. Sie sehnte sich nach der Berührung seiner Hände und
danach, sich in seinen Armen zu verlieren. Als die Zeiten noch besser gewesen waren, hatte Michael zusammen
mit seinem Vater und dem alten Paddy Murphy zum Tanz aufgespielt am Samstagabend oder beim alljährlichen
Erntefest.
Die Dörfler hatten die Beine geschwungen, getrunken und gelacht, und später am Abend hatte Michael Drury
Balladen gesungen und Kathleen O'Donnell dabei angesehen ... Aber inzwischen hatte niemand mehr die Kraft
zu tanzen. Und Kevin Drury und Paddy Murphy waren längst in den Bergen verschwunden. Gerüchten zufolge
betrieben sie dort eine florierende Whiskeybrennerei. Man sagte, dass Michael die Flaschen unter der Hand in
Wicklow verkaufte. Kathleens Vater wollte jedenfalls nichts mit den Drurys zu tun haben, und er hatte seine
Älteste streng gerügt, als er sie am Sonntag nach der Kirche mit Michael sprechen sah. "Aber ich glaube,
Michael will um mich werben !", hatte Kathleen errötend protestiert. "Ganz ... ganz offiziell und ehrenvoll ..."
Schneider O'Donnell schnaubte, seine hohe, schlanke Gestalt bebte vor Missbilligung. "Wann hat ein Drury
jemals etwas offiziell und ehrenvoll betrieben? Die ganze Familie besteht nur aus Lumpenpack: Fiedler und
Flötenspieler und Whiskeybrenner. Galgenvögel allesamt. Schon den Großvater wollten sie in die Kolonien
schicken. So wenig ich die Engländer schätze: Hier hätten sie eine gute Tat begangen ! Aber der Kerl ist ja ab
nach Galway und von da aus Gott weiß wohin. Desgleichen sein nichtsnutziger Sohn ! Kaum wird denen der
Boden zu heiß, da verziehen sie sich wobei keiner weniger als fünf Kinder hinterlassen hat ! Lass die Augen von
dem Drury-Jungen, Kathie, und erst recht die Finger ! Du kannst hier jeden haben, hübsch wie du bist !" Kathleen
war wieder errötet, aber dieses Mal aus Scham darüber, dass ihr Vater sie hübsch nannte. Das war in Father
O'Briens Augen schon anrüchig genug. Eine Jungfrau solle tugendhaft sein und fleißig, sagte er immer, und auf
keinen Fall solle sie ihre Reize zur Schau stellen. Wobei es in Mary Kathleens Fall nicht einfach war, das zu
vermeiden. Sie konnte sich ja nicht ständig verstecken, um den Männern den Blick auf ihr zartes Gesicht, ihr
honigblondes, weiches Haar und ihre aufreizend grünen Augen zu verwehren. Mit dem dunklen Grün der Glens
vor Sonnenuntergang hatte Michael deren Farbe verglichen. Und manchmal, wenn sich Freude und
Überraschung in Kathleens Augen spiegelten, erkannte er Funken darin, die wie das erste Grün des Frühlings auf
den Weiden leuchteten. Oh, Michael verstand sich auf Schmeicheleien ! Und Kathleen wollte nicht glauben, dass
er wirklich so ein Galgenvogel war, wie ihr Vater meinte. Schließlich arbeitete er jeden Tag hart auf den Feldern
von Lord Wetherby. Zudem fiedelte er am Wochenende in Wicklows Pubs, wohin er weit laufen musste, wenn
ihm nicht jemand sein Maultier oder seinen Esel lieh.
Manchmal fand sich Roony O'Rearke, der Gärtner der Wetherbys, dazu bereit. Roony galt als Säufer, aber
Kathleen wollte eine Verbindung zwischen schwarz gebranntem Whiskey und dem Verleih von O'Rearkes Esel
gar nicht erst annehmen ! Das Mädchen stand auf und machte sich auf den Weg ins Dorf. Ein Wäldchen trennte
das Anwesen der Wetherbys von den Cottages ihrer Pächter. Die Landlords mochten nicht direkt von ihrem
Besitz auf die Behausungen ihrer Knechte und Hausangestellten blicken. Langsam fühlte Kathleen sich besser
was sicher auch damit zu tun hatte, dass sie ihre Schritte nicht direkt in Richtung Dorf und zum Cottage ihrer
Familie wandte, sondern zu den oberhalb der Hütten gelegenen Weizenfeldern. Die Männer würden dort noch
arbeiten, aber langsam ging die Sonne unter. Trevallion musste sie bald nach Hause schicken. Die Dämmerung
stürzte den eifrigen Verwalter stets in einen Zwiespalt: Einerseits reichte das Licht noch zum Arbeiten, und Lord
Wetherby hatte schließlich nichts zu verschenken, andererseits begünstigte das Zwielicht Diebstähle. Die Arbeiter
ließen Ähren in ihren Taschen verschwinden oder versteckten sie hinter den Steinmauern, um sie später in der
Dunkelheit zu holen. Kathleen hoffte, dass Trevallion seine Männer an diesem Abend früh heimschickte, auch
wenn dann noch ärgerer Hunger in den Cottages herrschte. Schließlich warteten die Familien hoffnungsvoll auf
die Ausbeute der Väter und Brüder. Nicht einmal Father O'Brien konnte das Vorgehen der Pächter ernsthaft
verdammen, obwohl er ihnen natürlich stets Sühnegebete auferlegte, wenn sie ihre kleinen Diebstähle beichteten.
Die braven Familienväter verbrachten folglich den halben Sonntag auf Knien in der Kirche. Junge Männer wie
Michael streiften derweil über die Felder und versuchten, ungeachtet der Augen des Lords und der Lady, die den
Sonntag mit Freunden zum Ausreiten und Jagen nutzten, noch ein paar Ähren zu stibitzen. Und tatsächlich
schien der Vollmond, der gerade über den Bergen aufging, um die Dämmerung abzulösen, Trevallions Furcht vor
Diebstählen zu verstärken.
Die Männer, ihre Frauen und Kinder würden die versteckten Ähren im Mondlicht leicht finden, das wusste er, und
ein paar ganz Verzweifelte würden versuchen, die Nacht zu Raubzügen zu nutzen. Kathleen vermutete, dass der
übereifrige Verwalter ein frühes Abendbrot und ein Nickerchen plante, bevor er die halbe Nacht Patrouille ritt. Das
junge Mädchen musste sich bezwingen, nicht vor Trevallion auszuspucken, als er ihr hoch auf dem Bock des
letzten Erntewagens sitzend entgegenkam, während die übermüdeten Arbeiter sich zu Fuß von den Feldern nach
Hause schleppten. "Holla, die kleine Mary Kathleen !", begrüßte der Verwalter sie leutselig. "Was suchst du hier,
Goldlöckchen? Hat man dich im Haus schon entlassen? Einen schönen Lenz macht ihr euch da in der Küche !
Ich wette, die alte Grainné versorgt nicht nur sich, sondern die Familien all ihrer Kinder und Kindeskinder mit dem
Brot Seiner Lordschaft !" "Seine Lordschaft isst wohl mehr Kuchen ...", tönte es aus der Gruppe der
Landarbeiter, die müde hinter Trevallions Wagen herschlurften. Kathleen erkannte die Stimme Bill Raffertys,
eines Sohnes der Köchin Grainné. Billy war nicht der Klügste, aber bauernschlau, und er gefiel sich in der Rolle
des Narren. "... was Sie am besten wissen sollten, Trevallion !", fuhr Billy fort. "Oder essen Sie nicht an seinem
Tisch?" Die Bemerkung wurde mit lautem Gelächter quittiert. Tatsächlich behandelte der englische Lord seinen
irischen Verwalter kaum besser als seine Pächter. Natürlich hatte Trevallion eine Sonderstellung und musste
nicht hungern. Aber die Achtung seines Herrn genoss er nicht, und auf keinen Fall war die Rede davon, ihn
womöglich selbst in den Adelsstand zu erheben, wie es Verwaltern sehr großer Besitzungen ab und an zuteil
wurde. Lord Wetherby war von Adel, seine Familie galt in England jedoch als unbedeutend. Die Besitztümer in
Irland stammten aus der Mitgift seiner Gattin und waren eher klein. "Mein Tisch ist jedenfalls reich gedeckt !",
gab Trevallion zurück. "Auch mit Kuchen, kleine Kathleen, falls du dir also einen Mann wünscht, der dir etwas
bieten kann ..." Kathleen errötete zutiefst. Aber nein, der Kerl konnte nichts von den Teekuchen wissen, die
Löcher in die Taschen ihres Kleides zu brennen schienen !
Sie durfte sich nur nicht schuldbewusst zeigen ! Tugendhaft schlug sie die Augen nieder. Kathleen antwortete
grundsätzlich nicht, wenn Trevallion sie ansprach, erst recht nicht, wenn er solch ungehörige Anspielungen
machte. Zu oft hörte man von Mädchen, die dem Laster in den Armen der Verwalter ihrer Herren verfielen wobei
Kathleen sich nicht vorstellen konnte, dass es sich hier um die Sünde der Wollust handelte. Trevallion hatte
eigentlich nichts an sich, was ein Mädchen reizen konnte. Er war klein, drahtig und rothaarig wie ein Leprechaun,
aber ihm fehlte der Witz der mythischen Waldschrate, denen die etwas begüterteren Iren Häuser in ihren Gärten
bauten, um sich ihrer Hilfe bei der Landarbeit und mehr noch beim Whiskeybrennen zu versichern. Finsterster
Aberglaube natürlich, wie Father O'Brien erklärte, bevor er den jüngsten Kindern im Unterricht das nächste
Märchen über die frechen, grün gewandeten Gesellen erzählte. Über Trevallion gab es nichts derart Komisches
zu berichten. Er war vollkommen unterwürfig gegenüber der englischen Herrschaft und hart und boshaft
gegenüber deren Pächtern. Selbst wenn der Lord und die Lady gar nicht auf ihren Besitztümern in Irland weilten,
was die meiste Zeit des Jahres betraf, ließ er nicht, wie andere Verwalter, fünfe gerade sein. Besonders in Zeiten
wie diesen schauten sie schon mal weg, wenn die Männer auf Jagd gingen oder ein Teil des Obstes und
Gemüses aus den Gärten der Herrschaft in den Töpfen der Pächterfrauen landete. Trevallion kämpfte um jede
Karotte, jeden Apfel und jede Bohne vom Land seines Herrn, der eigentlich nur zur Ernte und zur Jagdsaison
erschien. Die Menschen hassten ihn, und wenn sich ein Mädchen einem Mann wie ihm hingab, so geschah es
sicher nicht aus Liebe, sondern nur aus Not. "Oder hast du gar einen Galan hier auf den Feldern?", fragte
Trevallion jetzt mit tückischem Blinzeln. "Gibt es da etwas, das ich wissen müsste als Ohr und Auge des Herrn?"
Hochzeiten mussten vom Landlord genehmigt werden, und der hörte natürlich gern auf die Einflüsterungen
Trevallions. Kathleen würdigte auch diese Fragen keiner Antwort. "Nun, ich denke, ich werde demnächst mal ein
Wörtchen reden mit O'Donnell, dem Schneider ...", bemerkte Trevallion noch, bevor er Kathleen endlich gehen
ließ. Sie sah aus den Augenwinkeln, wie er sich die Lippen leckte. Kathleens Herz klopfte heftig.
Der Kerl wollte nicht wirklich um sie werben? Ihr Vater sprach immer wieder von einer "guten Partie", mit der
Kathleen dank ihrer Schönheit ihr Glück machen würde, solange sie nur brav und tugendhaft auf den richtigen
Mann wartete. Aber damit war doch nicht Trevallion gemeint? Bevor sie diesen Widerling heiraten würde, nähme
sie den Schleier ! Kathleen blieb mit gesenktem Kopf am Wegrand stehen und ließ den Erntewagen und die
Männer vorbei. Sie wusste, dass Michael sich bald unauffällig absetzen würde, und ging weiter, bis sie Schutz
hinter den Steinmauern fand, die das frisch abgeerntete Feld einfassten. Das Mädchen begann, das Land auf
vergessene Ähren abzusuchen. Wie erwartet wurde Kathleen nicht fündig Trevallion war gründlich. Sie verspürte
glühende Wut auf den bösartigen kleinen Mann, als sie jetzt die ersten hungrigen Kinder vom Dorf zu den Feldern
hinaufkommen sah. Alle würden versuchen, hier noch letzte Reste von Weizen zu finden, und alle würden
enttäuscht werden. In diesem Moment lachte Kathleen jedoch das Glück. Michael näherte sich, scheinbar ziellos
schlendernd, dem Stoppelfeld. Er sah natürlich die Kinder und Frauen, weshalb er so tat, als bemerke er
Kathleen nicht. Stattdessen winkte er ihr nur unmerklich zu, ihm zu folgen. Kathleen tat es unauffällig, sie wusste
ohnehin, wohin er sie führte. Ihr Schlupfwinkel war eine winzige Bucht, unterhalb der Siedlung bei den Feldern
am Fluss. Hier stand hoch das Schilf am Ufer, und eine mächtige Weide ließ ihre Äste ins Wasser hängen. Sie
schützten den kleinen Strand vor neugierigen Blicken vom Wasser aus, wie das Schilf die Verliebten von Land
aus versteckte. Kathleen wusste, dass es Sünde war, sich hier mit einem jungen Mann zu treffen dazu mit
einem, den James O'Donnell gar nicht billigte, obwohl er so schöne Worte sprechen konnte. Aber irgendetwas in
ihr bestand darauf, es trotzdem zu tun. Irgendetwas wollte den freudlosen Tagen der Arbeit im Herrenhaus und
der abendlichen und in der letzten Zeit zudem vergeblichen Schufterei auf dem Land ihres Vaters ein bisschen
Glück abringen ... Michael saß rittlings auf einem niedrigen Ast des freundlichen Baumes, als Kathleen eintraf.
Seine Augen leuchteten bei ihrem Anblick auf. Er löste sich mit geschmeidigen Bewegungen von seinem
erhöhten Sitz. "Das süßeste Mädchen Irlands und es gehört nur mir !", rief er bewundernd mit seiner weichen
Stimme. "Man preist die irischen Rosen, aber nur wer die Lilien kennt, kann ermessen, was Schönheit ist !"
Kathleen errötete und senkte den Blick, aber Michael griff nach ihren Händen und küsste sie. Er zog sie an sein
Herz und damit auch das Mädchen näher zu sich. Sehr vorsichtig und sehr zärtlich küsste er seine Stirn und
wartete, bis es ihm letztlich auch die Lippen bot. Michael legte sanft seine Arme um Kathleen. "Vorsichtig !",
wisperte sie nervös. "Du ... ich hab was mitgebracht, und ich will nicht, dass du es zerdrückst !" Bevor Michael
sie an sich pressen konnte, nestelte sie die Teekuchen aus der Tasche ihres Kleides, dazu das Marmeladenglas.
Der junge Mann, heißhungrig nach der schweren Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, musterte das
Gebäck mit begehrlichen Blicken. Aber Michael Drury war nicht gierig. Er ließ sich Zeit mit Genüssen aller Art und
deponierte die Leckerei zunächst auf einem großen Blatt in einer Astgabel der Weide. Dann fuhr er fort, Kathleen
zu küssen, langsam, vorsichtig. Kathleen hatte nie Angst vor ihm gehabt. Die Wisperei der anderen Mädchen, die
teilweise schon verlobt waren und sich vor der Hochzeitsnacht fürchteten, verstand sie nicht. Michael, darauf
vertraute sie fest, würde ihr niemals wehtun. Auch jetzt verlor sie sich kurze Zeit in seiner Umarmung, seinem
erdigen Geruch nach der Arbeit auf dem Feld, seiner kühlen Haut, auf der sein Schweiß schon getrocknet war.
Aber dann löste sich Michael. Eindringlich schaute er auf Kathleens gestohlene Scones. "Das riecht gut !",
seufzte er. Sie lächelte und war plötzlich gar nicht mehr so hungrig. "Du riechst gut !", flüsterte sie. Michael
schüttelte lachend den Kopf. "Weit gefehlt, meine Liebste, ich stinke ! Und ich denke, ich sollte mich waschen,
bevor du mich wie einen Gentleman zum Tee bittest ..." Bevor Kathleen widersprechen konnte, hatte Michael
sein schlichtes, schmutziges Hemd schon abgeworfen. Kathleen versuchte wegzusehen, als er nun auch aus
seinen verwaschenen Hosen schlüpfte, aber sie schaffte es nicht. Der Anblick seiner kräftigen Beine, seines
flachen Bauches und der muskulösen Arme gefiel ihr. Michael war schlank, aber er wirkte nicht halb verhungert
wie viele andere Pächter. Die Fiedelei in Wicklow schien sich zu lohnen. Kathleen hätte ihn zu gern einmal in die
Pubs begleitet. Sie lachte und hockte sich auf den Strand, als Michael sich prustend in den Fluss gleiten ließ. Er
tauchte unter, um auch sein Gesicht und seine Haare zu waschen, und schwamm dann wie ein Fisch in die Mitte
des Flusses. "Warum kommst du nicht auch, es ist wunderbar kühl !", rief er dem Mädchen zu. Aber Kathleen
schüttelte den Kopf.
Nicht auszudenken, wenn jemand sah, wie Kathleen O'Donnell nackt oder halbnackt im Fluss schwamm dazu
nicht an den bekannten und allgemein respektierten Badestellen der Mädchen, sondern hier, abseits des Dorfes,
bei Vollmond und mit einem Mann ! "Komm du heraus, bevor ich die Scones allein esse !", neckte sie ihn.
Michael folgte dem Ruf sofort. Er schüttelte sich das Wasser aus dem fülligen dunklen Haar und ließ sich neben
das Mädchen auf den steinigen Strand fallen. Kathleen reichte ihm seinen Kuchen und das Marmeladenglas, in
das sie eben ihren Finger versenkt hatte, um die letzten Reste herauszuholen. Sie strich sie auf ihren Scone und
biss ein winziges Stück davon ab. Es war das Beste, was sie je gegessen hatte ! Die Orangenkonfitüre war süß,
aber auch leicht bitter. Der Teekuchen zerging auf der Zunge ... Zärtlich blickte Kathleen zu Michael hinüber, der
sein Stück mit kaum weniger Andacht kaute. "Geschenkt oder gestohlen?", fragte er. Kathleen wurde schon
wieder rot. "Sie ... sie waren sozusagen ... hm ... übrig ...", murmelte sie. Michael küsste ihre Lippen, noch die
Süße der Orange schmeckend. "Also stibitzt !", neckte er das Mädchen. "Das macht sie umso süßer ! Aber was
wird Father O'Brien dazu sagen?" "Vielleicht beichte ich es gar nicht !", erwog Kathleen. Sie wusste, dass
Michael es mit der Beichte nicht allzu genau nahm. Michael lachte und steckte das letzte Kuchenstück in den
Mund. Dann ließ er sich niedersinken und zog Kathleen mit sich. Er begann, ihren Brustansatz zu liebkosen. An
seinen Fingern war noch klebrige Konfitüre, und er hielt sie ihr zum Abschlecken hin, als sie sich beklagte. "Nicht,
Michael !" Kathleen wehrte sich, als Michael nun Anstalten machte, ihr Kleid weiter aufzuknöpfen.
"Das geht nicht !" Michael ließ sich nicht stören. "Aber Kathleen, Liebste ! Du musst sowieso beichten. Und das
wirst du auch, ich kenne dich doch. Father O'Brien wird auf jeden Fall schockiert sein. Also, warum bieten wir ihm
nicht noch ein bisschen mehr, damit er richtig was vergeben kann?" Kathleen richtete sich unwillig auf. "Gott
vergibt ! Nicht der Priester. Und Gott vergibt nur, wenn man aufrichtig bereut. Aber dies hier ..." Egal, was sie mit
Michael tat, sie würde es nie bereuen ! Michael streichelte ihr Haar und ihr Gesicht und brachte sie schnell dazu,
sich wieder auf dem Strand auszustrecken. "Kathleen, ich möchte dich ja zu meiner Frau machen ! Ich möchte
dir meinen Namen geben auch wenn ich fürchte, dass er nicht viel wert ist. Gib mir noch ein bisschen Zeit,
Kathleen. Schau, ich spare ..." "Du sparst?", unterbrach ihn Kathleen und fuhr dabei erneut auf. "Wovon um
Himmels willen kannst du etwas sparen, Michael Drury? Und erzähl mir jetzt nichts vom Fiedeln in den Pubs !"
Michael zuckte die Schultern. "Du willst das nicht wissen, Mary Kathleen zumindest Mary will es nicht wissen,
Kathleen mag ja neugierig sein !" Er zog sie mit ihrem Firmnamen auf, seit sie ihn gewählt hatte. "Aber es ist
nichts ... nichts, wofür man sich schämen muss !" "Es ist Whiskey, stimmt's?", fragte Kathleen wütend. "Und du
schämst dich wirklich nicht dafür, dass du Gerste und Weizen und was weiß ich alles vergären lässt, um Whiskey
draus zu brennen? In Zeiten, in denen die Kinder verhungern?" Michael zog sie beschwichtigend an sich. "Ich
brenn's doch nicht, Liebste !", versuchte er das Mädchen zu besänftigen. "Wenn ich's in die Hand kriegte, tät's
keinem mehr gut, das kannst du mir glauben.
Aber wenn ich's nicht verkauf, dann tut's jemand anderes. Der alte O'Rearke würd's nur zu gern selbst machen,
den Esel hat er ja, um die Fässer nach Wicklow zu bringen. Aber dem trauen sie nicht, dem alten Säufer ..."
"Wer sind >sie", fragte Kathleen ungehalten. Michael zuckte die Achseln. "Die Männer aus den Bergen.
Liebste, es ist wirklich besser, wenn du das nicht alles weißt. Aber ein paar Pennys fallen immer dabei ab. Das
meiste kriegt meine Mutter unsere Kartoffeln sind alle verfault, und ohne das Whiskeygeld würden meine
Geschwister verhungern." "Deine Mutter nimmt sündiges Geld?", wunderte sich Kathleen. Michael zog die
Augenbrauen hoch. "Bevor sie ihre Kinder zu Grabe trägt ..." Kathleen wurde langsam klar, weshalb Mrs. Drury
so viel Zeit in der Kirche verbrachte. "Aber ein bisschen bleibt noch für mich, Kathleen !", sprach Michael eifrig
weiter. "Und für dich ! Wenn es genug ist, hauen wir hier ab. Amerika ! Sagt dir das was? Das gelobte Land. Die
Sonne scheint das ganze Jahr über, und es gibt Arbeit für alle ! Wir werden reich da drüben !" "Und die Schiffe,
die einen hinbringen, nennt man Coffin Ships, weil sie schwimmenden Särgen gleichen, lange bevor sie da
anlegen in ... in New York oder wie es heißt ... Ich weiß nicht, ob ich das will, Michael !" Kathleen schmiegte sich
an Michael. Sie wusste gar nicht mehr viel, wenn sie bei ihm war, das Denken fiel ihr schwer in seinen Armen.
Aber Amerika machte ihr Angst. Sie wollte Irland nicht verlassen. Und andererseits wollte sie nichts mehr, als mit
Michael zusammen zu sein. Sie wollte seine Hände und seine Lippen auf ihrem Körper spüren, und sie wollte ihm
erlauben, ihr Kleid weiter zu öffnen und sie weiter zu liebkosen. Kathleen wünschte sich viel mehr Zärtlichkeiten,
als Father O'Brien jemals vergeben konnte ! So viel verbotene Liebe, dass Gott selbst sie womöglich strafen
würde. Es gab Schlimmeres als fünfzig Ave Maria auf einer harten Kirchenbank ... Kathleen richtete sich auf. Sie
hatte der Versuchung schon viel zu oft nachgegeben. Weiter würde sie in dieser Nacht nicht gehen. "Ich muss
nach Hause ...", sagte sie leise, in der Hoffnung, dass es nicht zu bedauernd klang. Aber Michael nickte nur und
half ihr, das Kleid zu glätten und das Laub aus ihrem Haar zu zupfen. Dann begleitete er Kathleen ins Dorf
furchtsam, im Schatten der Steinmauern.
Die Menschen auf den Feldern sollten sie nicht sehen weder die Diebe, die ihre Ausbeute des Tages nach
Hause trugen, noch die Frauen und Kinder, die nach jedem kleinen Körnchen suchten und erst recht nicht Ralph
Trevallion, der rastlos über die Felder Seiner Lordschaft ritt, um irgendeinen kleinen Sünder zu erwischen. Jetzt
wichen die hellen, mondbeschienenen Weizenfelder des Landlords den Äckern der Pächter. Kleiner, ärmlicher
und nicht golden leuchtend. Die Fäule hatte nicht nur die Knollen, sondern auch die Blätter der Kartoffelpflanzen
schwarz verfärbt. Die absterbenden Pflanzen warfen im Mondlicht gespenstische Schatten. Kathleen nahm
Michaels Hand. Sie meinte, den Tod zu spüren. Schließlich trennten sie sich an der Weggabelung zwischen ihren
Gehöften dem kleinen Haus der O'Donnells und der winzigen, verfallenden Hütte der Drurys. Es war spät. Die
Familienmitglieder hatten sich bereits auf ihre Schlafmatten auf den Boden gelegt das wussten die beiden jungen
Leute. Es gab keine Betten für alle. Kathleen hatte fünf, Michael sieben Geschwister, und selbst wenn sie sich
Bettgestelle hätten leisten können, wäre nicht einmal genug Platz gewesen. Im Cottage der O'Donnells brannte
immerhin ein Feuer, irgendetwas würde Kathleen vielleicht noch zu essen bekommen. Bei den Drurys war es
dunkel. Aber es war Freitag. Am kommenden Morgen zog Michael mit seiner Fiedel und O'Rearkes Esel in die
Stadt. Und irgendwo auf dem Weg nach Wicklow würden sich die Satteltaschen wie durch Geisterhand mit
Whiskeyflaschen füllen ...
Kapitel 2
"Nein, Vater, ich will nicht ! Ich mag ihn nicht ! Das kannst du mir nicht antun !" Kathleen sprach verzweifelt auf
ihren Vater ein und schüttelte heftig den Kopf. Manchmal wünschte sie sich, weniger schön zu sein. In Michaels
Armen war sie stolz darauf, aber sonst machte es nur Ärger. "Nun stell dich nicht so an, Kathie, du musst ihn ja
nicht gleich heiraten !", fuhr James O'Donnell sie an. Es war ihm sichtlich nicht recht, dass seine älteste Tochter
hier mit ihm stritt, vor dem Haus und in Anwesenheit der meisten ihrer jüngeren Geschwister. Die Kinder hatten
sich schon bei der Ankunft des Besuchers aufgeregt am Feuer versammelt, an dem die Mutter ein paar der
wenigen genießbaren Früchte der Kartoffelernte briet. Wenn eben möglich, kochten die Pächter vor ihren
Cottages, um die Stuben so wenig wie möglich zu verräuchern. Besonders bei Wind und Regen zog der
Rauchabzug ungenügend. Und nun duftete die Pfanne obendrein nach dem Speck, den der Mann mitgebracht
hatte. Die Kinder verstanden nicht, was Kathleen da so verstimmte. "Mr. Trevallion hat ganz höflich gefragt, ob er
dich nach der Kirche nach Hause bringen darf", fügte die Mutter hinzu. "Warum sollten wir ihm das verwehren?"
"Weil man den Rohling von Rechts wegen nicht einmal in die Kirche hineinlassen sollte !", wütete Kathleen.
"Das Baby der O'Learys ist gestern gestorben weil Mrs. O'Leary keine Milch mehr hatte. Mit dem da ...", sie wies
wütend auf den Rest der Speckseite und das Säckchen Mehl, das ihre Mutter fast ehrfürchtig betrachtete, "... hätt
man's vielleicht retten können. Aber unglücklicherweise mag Mr. Trevallion ja nicht Sarah O'Leary zur Messe
begleiten, sondern mich !" "Zu unserem Glück, mein Kind", bemerkte der Vater. "Und ich bin gar nicht so böse
darüber, dass du den Mann nicht magst.
So wirst du ihm zumindest nichts erlauben, was nicht schicklich ist ..." "Zumindest nichts, bis er einen ganzen
Schinken vorbeibringt?", fragte Kathleen frech. Die Ohrfeige ihres Vaters traf sie so hart und überraschend, dass
sie erschreckt zurücktaumelte. "Du versündigst dich, Mary Kathleen !", sagte die Mutter. Es klang allerdings nicht
sehr überzeugend. Offensichtlich relativierte sich Sünde beim Anblick von Speck. "Aber so ganz Unrecht hast du
nicht, wenn du bei der Liebe auch ein bisschen an die Speisekammer denkst. Leidenschaft vergeht, Kathie. Nur
deine Kinder liebst du ewig, egal, von wem du sie empfängst. Und du wirst deinem Mann dankbar sein, wenn er
sie ernähren kann. Bei Mr. Trevallion bist du da auf der sicheren Seite. Ob wir ihn nun mögen oder nicht." "Aber
ich will mich nicht verkaufen !" Kathleen warf zornig ihre blonden Locken zurück und wich vorsichtshalber einer
weiteren Ohrfeige aus. "Wenn ich Kinder bekomme, dann nur von einem Mann, den ich liebe ! Sonst ... sonst geh
ich ins Kloster !" Obwohl ihr beim Duft der Bratkartoffeln mit Speck das Wasser im Mund zusammenlief, wandte
Kathleen sich auf dem Absatz um und lief hinaus. Nein, sie wollte nichts von dem Essen, mit dem Trevallion sich
ihre Begleitung beim Kirchgang erkauft hatte ! Was sie wollte, war Michael ! Sie musste ihm davon erzählen ! In
ihrem Zorn und ihrer Verwirrung gab sie sich dem Wunschtraum hin, dass er sofort ins Haus des Verwalters
laufen und ihn zum Zweikampf fordern würde. Wie es damals im alten Irland gewesen war, in den Sagen und
Märchen von Rittern und Helden, die Father O'Brien manchmal erzählte, wenn er ein bisschen zu sehr dem
Whiskey zugesprochen hatte, den die Leprechauns mitunter an der Schwelle zum Pfarrhaus deponierten. Mary
Kathleen lächelte beim Gedanken an den alten Priester, der es sicher nicht billigte, dass Trevallion Ansprüche auf
sie erhob. Aber andererseits billigte Father O'Brien auch die Begleitung durch Michael nicht. Vielleicht, dachte das
Mädchen, sollte ich ihm die Idee mit dem Kloster vortragen und behaupten, dass ich mich berufen fühle.
Womöglich schirmt er mich dann gegen weitere Bewerber ab oder er nimmt mich gleich in der nächsten Woche
mit in die Abtei nach Wicklow. Kathleen wanderte ziellos über die Felder am Fluss.
Sie waren noch nicht abgeerntet, und sie lief Gefahr, Trevallion auf einem Patrouilleritt in die Arme zu laufen.
Andererseits waren Michael und seine Freunde sicher bei einer heimlichen Ernte im Schutz der Steinwälle und
der Weiden am Wasser. Tatsächlich erklang der Ruf einer Lärche, als Kathleen den Weg zu den abgelegensten
Feldern betrat. Eine Lärche im Stimmbruch ! Kathleen schaute sich mit hochgezogenen Brauen um und
entdeckte Jonny, Michaels jüngeren Bruder, in der Krone einer Eiche. Er grinste ihr verschwörerisch zu. "Ich bin
der Wächter, Kathleen !", strahlte er. Kathleen verdrehte die Augen. "Du bist im Blattwerk tatsächlich kaum
auszumachen, besonders in diesem leuchtend roten Hemd", bemerkte sie. "Und dieser Vogelruf ... täuschend
ähnlich. Mach bloß, dass du runterkommst, Jonny Drury ! Trevallion lässt dich auspeitschen, wenn er dich
erwischt." Jonny ließ sich die Laune nicht verderben. Mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck und brav gesenktem
Blick verbeugte er sich in Kathleens Richtung und wäre dabei fast vom Baum gefallen. "Is' nich' verboten, Mr.
Trevallion, dass 'n Junge am Sonntagnachmittag im Baum sitzt und 'n Vogel nachmacht !", jaulte er mit
unnatürlich hoher Stimme. "Schau'n Sie, Mr. Trevallion, hier hab ich 'ne Schleuder. Ich ruf nach 'nem Weibchen,
und wenn's kommt ein Stein und wir haben Fleisch im Topf !" Kathleen musste lachen. "Das erzähl ihm bloß
nicht ! Garantiert legt er's als Verstoß gegen die Jagdverordnung aus, und du wirst gehängt. Wo ist Michael,
Jonny? Unten am Fluss? Mit den anderen Jungs?" "Glaub ich nicht", sagte Jonny. "Die anderen sind schon
zurück ins Dorf. Mit ein paar gefundenen Ähren ..." Der Junge zwinkerte wichtig. "Brian hat 'ne ganze Garbe
geschnitten ! Das gibt feines Mehl, Kathleen !" Brian gehörte ebenfalls zur Familie Drury, aber die Geschichte
von der ganzen Garbe Weizen glaubte Kathleen nicht. Niemals hätten es die Jungen gewagt, am helllichten Tag
so viel Korn zur Seite zu bringen nicht einmal mit einem so fähigen Wächter wie dem kleinen Jonny. Die
sonntäglichen Raubzüge auf den Feldern retteten keine Familie vor dem Verhungern. Es war mehr ein Spiel den
halbwüchsigen Jungen gefiel es, Trevallion an der Nase herumzuführen. "Aber Michael hat nichts geschnitten",
verriet Jonny.
"Der war böse ! Hat nur auf das Korn eingeschlagen, als wollt er das ganze Feld umhauen ... Kann's sein, dass
er böse auf dich war, Kathie?" Kathleen schüttelte den Kopf. "Ich hab keinen Streit mit deinem Bruder",
antwortete sie. Jonny grinste. "Du bist gut Freund mit ihm, ja?" Er kicherte vielsagend und schaukelte auf seinem
Ast hin und her. "Wenn du mir auch mal so'n Teeküchlein mitbringst, wie neulich Michael, dann verrat ich dir
auch, wo er ist. Und ich bleib hier und halte Wache für euch. Ist das was?" "Woher weißt du ...?" Kathleen
errötete. Konnte es sein, dass die frechen kleinen Jungen ihr Stelldichein mit Michael belauscht oder gar
beobachtet hatten? "Der Wächter weiß alles !", erklärte Jonny wichtig. "Ich wusst sogar, dass du kommst ! Und
ich weiß, wo Michael auf dich wartet. Komm, ein Teeküchlein aus der Küche vom Herrenhaus ... dann sag ich's
dir !" Kathleen schüttelte den Kopf. "Das brauchst du mir nicht zu sagen, das kann ich mir selbst denken." Sie
spürte plötzlich ein übermächtiges Verlangen, sich in Michaels Arme zu werfen. Zumal sie ihm wahrscheinlich
nicht einmal erzählen musste, was zwischen ihren Eltern und Ralph Trevallion vorgefallen war. Er musste das
Treffen belauscht oder davon gehört haben. Es sprach sich ja in Blitzesschnelle herum im Dorf, wenn der
Verwalter sich dazu herabließ, eine Pächterfamilie am Sonntag zu besuchen und ihr obendrein Speck
mitzubringen. Aber Michael konnte doch nicht glauben ... er konnte nicht annehmen, sie hätte der Vereinbarung
zugestimmt ! Kathleen fasste einen Entschluss. "Kein Küchlein aus der Küche, Jonny", verhandelte sie, "aber
einen Apfel aus dem Garten des Landlords. Wenn du hierbleibst und dein Wächteramt ernst nimmst. Ich treffe
Michael am Fluss und wenn du irgendwen kommen hörst, machst du die Lärche. Oder vielleicht ... kannst du
nicht vielleicht einen Vogel nachahmen, der tagsüber singt?" Nachdem Jonny ihr zugesichert hatte, auch den
Kuckuck täuschend ähnlich imitieren zu können, lief Kathleen hinunter zum Fluss. Es war ein sonniger
Nachmittag, und der Vartry River zog sich wie ein Strom flüssigen Silbers durch die sattgrüne irische Landschaft.
Das Mädchen fand den Weg durch das Schilf am Ufer wie im Schlaf. Niemals hätten die kleinen Jungen sich hier
ungehört anschleichen können. Auch Kathleens Annäherung blieb nicht unbemerkt. "Kathie?", fragte Michael,
noch bevor sie die winzige Bucht erreichte. "Michael !" Kathleen wollte sich in die Arme ihres Freundes werfen,
aber er umfasste sie nicht mit der üblichen Wärme. Sie holte tief Luft. Sie musste es ihm gleich sagen, nicht, dass
er sich wirklich erzürnte. "Michael, ich hab nichts damit zu tun ! Ich geh nicht mit Trevallion !", versicherte sie
ihm. "Niemals ! Ich ... ich will doch nur dich, Michael !" Michael sah Kathleen an. Er sah verletzt aus, wütend.
Sein Gesicht strahlte nicht wie sonst bei ihrem Anblick, und er hatte auch keine schönen Worte auf den Lippen.
Dennoch küsste er Kathleen jetzt sehr viel härter, sehr viel fordernder als sonst. Das Mädchen erschrak zuerst,
aber dann erwiderte es den Kuss mit der gleichen Leidenschaft. Und tatsächlich hatte sich etwas in Michaels
Blick verändert, als er danach von Kathleen abließ. Sie sah Übermut in seinen Augen, die Freude an der
Herausforderung und dem Kampf. Einen Herzschlag lang verspürte Kathleen Furcht. Er würde Trevallion doch
nicht wirklich fordern? Aber Michael legte nur die Arme um sie, hob sie wortlos auf und bettete sie in ein Nest aus
Schilf und Gras, abgeschirmt von Weidenästen, die so tief hingen, dass nur schemenhaft grünlich goldenes Licht
einfiel. Kathleen dachte an die bunten Glasfenster der Kirche und das farbige Leuchten, das während der Messe
von ihnen ausstrahlte. Sie dachte an eine Hochzeit. "Ich will deine Frau sein, Michael !", versicherte sie ihm noch
einmal. Jetzt, jetzt musste er ihr doch wieder schmeicheln, sie streicheln und küssen ... "Beweis es mir !", sagte
Michael in einem Ton, der ihr fremd war. Kathleen sah ihn hilflos an. Aber sie wehrte sich dieses Mal nicht, als er
begann, ihr Kleid zu öffnen. Es gab keine Möglichkeit für Kathleen, Ralph Trevallion davon abzubringen, sie nach
der sonntäglichen Messe zu begleiten. Sie bemühte sich zwar, ihm keine Umwege zwischen Kirche und Dorf zu
erlauben, und ließ nicht von ihren Eltern und Geschwistern, aber das schien den Verwalter nicht zu stören.
Er ging artig neben ihr her, sagte ihr ein paar Freundlichkeiten und plauderte mit der Mutter und dem Vater. Für
James O'Donnell wurde der Gang durchs Dorf zum Spießrutenlaufen. Die anderen Bauern billigten nicht, dass
der Schneider sich mit dem Verwalter unterhielt und womöglich gar plante, familiäre Bande zu schließen. "Kannst
du nicht allein mit dem Mann um das Dorf herumgehen wie die anderen Mädchen mit ihren Galanen?", fragte
O'Donnell seine Tochter scharf, nachdem sie zum dritten Mal mit Trevallion durch den Ort gezogen waren. "Er ist
nicht mein Galan !", erwiderte Kathleen verärgert. "Und wenn du nicht mit ihm gesehen werden willst ich will es
erst recht nicht !" Auch Trevallions Geschenke beachtete Kathleen nicht ihre Mutter hingegen schätzte den
Verwalter gerade deshalb. Die O'Donnells hatten nun stets genug Mehl, um Brot zu backen, und jeden Sonntag
etwas Fleisch im Topf. Michael Drury beobachtete das Geschehen mit hilfloser Wut. Es gab nichts, was er tun
konnte. Er musste zusehen, wie Trevallion Kathleen den Arm bot, wie er neben sie trat, wenn der Priester die
Gemeinde nach der Messe verabschiedete, wie er sie stolz durch die Menge führte, die ihm mürrisch Platz
machte. Doch am Nachmittag und an den langen Spätsommerabenden nach der Arbeit erhob Michael seine
Ansprüche in den Feldern am Fluss. Er wartete meist schon auf Kathleen und sehnte sich nach dem Ruf des
Kuckucks, mit dem Jonny sie eifrig ankündigte. Sie kam zu ihm, wann immer sie konnte. Mitunter brachte
Kathleen Brot oder Obst mit. Michael nahm es gern an, wenn sie es im großen Haus stibitzt hatte aber nicht,
wenn es aus den Händen Trevallions kam. An seinen Geschenken, so ließ er Kathleen wissen, würde er
ersticken. Kathleen zuckte die Achseln und aß das Brot selbst. Sie war in der letzten Zeit ständig hungrig auf
Nahrung ebenso wie auf Zärtlichkeiten.
Sie wusste, dass sie mit Michael sündigte, und schämte sich auch dafür, allerdings immer erst hinterher, wenn
der Rausch verebbte. Während Michael sie liebte, und auch wenn sie bei der Arbeit oder nachts auf ihrer
Schlafmatte an ihn dachte, fühlte sie sich nicht schuldig, sondern gesegnet. Etwas so Wundervolles, so
Beglückendes konnte keine Sünde sein zumal Gott es ja durchaus erlaubte, wenn man nur vorher in die Kirche
ging und einander Eide schwor. Wozu Kathleen und Michael jederzeit bereit gewesen wären. Einmal stibitzte das
Mädchen sogar eine Kerze aus dem Herrenhaus, und die beiden sprachen sich feierlich die Trauformel vor. Aber
sie wussten natürlich, dass dies nicht galt. Sie waren nur wie Kinder, die Heiraten spielten. Wenn es gelten sollte,
so brauchten sie die Erlaubnis der Eltern, des Landlords und den Segen Father O'Briens, und all das würden sie
nie bekommen. "Wir heiraten in Amerika !", tröstete Michael Kathleen, als diese sich deswegen wieder einmal
grämte. "Oder in Kingstown oder Galway vor der Überfahrt." Kathleen protestierte inzwischen nicht mehr, wenn
er von ihrem wundervollen, gemeinsamen Leben am anderen Ende des Wassers schwärmte. Sie hatte sich für
ihn entschieden, sie wollte mit ihm leben, wo auch immer. Und Amerika war besser als das Kloster in Irland die
einzige Möglichkeit, einer Heirat zu entfliehen. Der Sommer näherte sich seinem Ende, und es wurde kalt und
regnerisch. Selbst unter den dicksten Decken, die Michael irgendwo aufgetrieben hatte, blieb es feucht und
ungemütlich in ihrem Liebesnest am Fluss. Aber auch die Spaziergänge nach der Kirche wurden kürzer. Man
verkroch sich in den Häusern und Cottages, zumal den meisten Menschen auch einfach die Kraft fehlte,
irgendetwas anderes zu tun. Nachdem es seit Wochen immer weniger zu essen gab, verloren selbst die Jungen
langsam die Lust, um Mädchen zu werben, und die Mädchen, mit einem jungen Mann zu kokettieren.
Der Hunger hielt die Pächter Lord Wetherbys in eisernem Griff, der Lord selbst bekam davon allerdings nicht viel
mit. Er saß längst mit seiner Lady in seinem Landhaus in England, trank Tee vor dem Kamin und freute sich über
die reiche Ernte auf seinen irischen Besitztümern. Womöglich war ihm nicht einmal klar, dass den Pächtern und
Tagelöhnern keine solche Segnung zuteil geworden war. Das Korn war gesund, was sollte Wetherby sich da über
Kartoffeln Gedanken machen? Die wenigen Kartoffeln, die nicht verfault waren, waren längst verzehrt. Man hatte
nichts einlagern können, nicht einmal Saatkartoffeln für das nächste Jahr. Die würde man kaufen müssen, und
Gott allein wusste, von welchem Geld ! Um den Winter zu überstehen, sammelten die Kinder Eicheln im Wald, die
ihre Eltern dann schroteten. Die Glücklichen, wie Kathleens Familie, streckten damit Roggen- oder Weizenmehl,
die anderen backten ihr Brot aus dem gehaltlosen Eichelschrot. Die Ärmsten, die kaum die Kraft aufbrachten, in
den Wald zu gehen und Eicheln zu sammeln oder Wurzeln auszugraben, kochten Suppe aus dem dürftigen Gras,
das am Wegrand stand. Die letzten trockenen Brennnesseln waren heiß begehrt, die Menschen rissen sich selbst
um die Stängel. Ab und zu verteilte Father O'Brien Spenden in der Kirche. Es hieß, dass in England für die Iren
gesammelt würde, ein Teil des Segens käme sogar von Landsleuten aus dem fernen Amerika. Allerdings war es
nie genug, um auch nur wenige Tage satt zu werden. Die Bäuche wurden einmal gefüllt, aber dann schmerzte
der Hunger umso mehr. Michael Drurys Familie kam recht und schlecht über die Runden. Michael fiedelte in
Wicklows Pubs, aber auch den Städtern fehlte es an Geld für Vergnügungen. Die Preise für Lebensmittel stiegen
im gleichen Maße, in dem die Menschen verhungerten, sogar den Whiskeybrennern in den Bergen fehlte es an
Rohstoffen. Michael hätte deutlich mehr Whiskey umsetzen können, als er erhielt. Bei all dem war es einzig Mary
Kathleen, der die Strapazen der Hungersnot kaum anzusehen waren. Während die Menschen um sie herum
abmagerten, sah sie blühend aus und schien sogar an Gewicht zuzulegen. Das lag aber nicht an den reichen
Gaben Trevallions.
Die alte Grainné kochte für den Verwalter, solange die Wetherbys nicht da waren, und es hätte ihm Spaß
gemacht, Kathleen mit den Pasteten und Kuchen zu füttern, die übrig blieben. Das Mädchen blieb jedoch
standhaft und nahm nichts von ihm an. So wurde der Segen erfreut von Mrs. O'Donnell begrüßt und gerecht an
alle Geschwister verteilt. Dick werden konnte man dabei nicht. "Es ist meine Liebe, die dich schöner macht !",
behauptete Michael, als sie sich an einem der wenigen trockenen Sonntage am Fluss trafen und zumindest ein
wenig spazieren gingen. Die Landschaft war im Eis erstarrt, die Weide schien ein Brautkleid zu tragen, und die
Kälte drang durch Kathleens dünnes Schuhwerk. Es wäre viel zu kalt gewesen, sich im Schilf auszustrecken.
Draußen war es nur auszuhalten, wenn man sich bewegte. Michael und Kathleen schritten also rasch
nebeneinander her auch in dem Wunsch, das Dorf möglichst bald hinter sich zu haben. Die Klatschbasen
verkrochen sich an Tagen wie diesen hinter dem Ofen, aber man wusste nie, ob vielleicht Father O'Brien auf dem
Weg zu einem Kranken oder Sterbenden vorbeikam. Erst als das junge Paar sich schon ein ganzes Stück vom
Dorf entfernt hatte, wagte Kathleen, sich in Michaels Arme zu schmiegen. Seine Zärtlichkeiten hielten sie warm.
Seine Hände stahlen sich unter ihren fadenscheinigen Umhang und ihr leichtes Kleid, sie streichelten ihre
Schultern und ihre Brüste. "Du bist wie eine Blume, die selbst im Winter erblüht !", flüsterte er, "weil dein Gärtner
dir schmeichelt, dich pflegt und sich nach deiner Blüte verzehrt !" Kathleen biss sich auf die Lippen. "Meinst du
wirklich, ich ... ich ...", sie errötete, "... ich würde fraulichere Formen annehmen?", drückte sie sich schließlich
züchtig aus. "Ich meine ..." "Deine Brüste scheinen mir entgegenzuwachsen !", lachte Michael. "Weiß Gott, sie
waren immer schön und fest, aber jetzt fühlst du, dass ich sie nicht mehr mit einer Hand umfassen kann?"
Michael liebkoste sie, und seine Finger wanderten erneut tiefer. "Alles an dir ist fest und warm ... ich sehne mich
danach, mich an dich zu schmiegen und ..." Kathleen schob ihn von sich. "Michael ...", sagte sie dann besorgt.
"Ich ... ich weiß nicht viel darüber, aber ich seh doch die Mädchen, die heiraten und dann ... und dann
gesegneten Leibes sind.
Und ich seh auch meine Mutter, wenn sie wieder ein Kind trägt. Deshalb ... Michael, ich ... so schön das ist mit
deiner Liebe, aber ... aber wenn ein Mädchen an Gewicht zunimmt, obwohl es nichts im Magen hat, dann hat es
oft was im Bauch ..." Kathleen wagte nicht, ihn anzusehen. Michael ließ verblüfft von ihr ab. "Du meinst, es
könnte sein, dass du ein Kind bekommst?", fragte er ungläubig. "Aber ... aber wie ... Es ist zu früh, Kathleen ! Ich
hab das Geld für Amerika noch nicht zusammen !" Kathleen stieß hörbar die Luft aus. "Da wird sich das Kind
bloß nicht drum scheren, Michael Drury ! Und ganz sicher mag's auch nicht auf einem Coffin Ship zur Welt
kommen. Wir werden heiraten müssen, Michael ! Sehr bald und hier." "Aber Kathleen ! Jetzt ... hier ... wo sollen
wir wohnen? Was wird dein Vater sagen? Er wird es doch gar nicht erlauben ..." Michael war sichtlich verwirrt.
"Er wird's erlauben müssen !", beharrte Kathleen bitter. "Oder mit der Schande leben. Natürlich könnt ich mich
auch rasch noch Trevallion hingeben und dann sagen, dass es seines ist. Aber so viel Zeit haben wir nicht !"
Michael fuhr auf. "Dieser Laffe soll mein Kind großziehen? Nur über meine Leiche ! Pass auf, Kathleen ... ich ...
du meinst ... es gibt gar keine andere Möglichkeit?" Kathleen blitzte ihn an. "Du denkst nicht daran, das Kind in
mir zu töten, Michael Drury !" Michael schüttelte reumütig den Kopf. "Aber es ... es kann doch sein, dass du dich
irrst." Kathleen zuckte die Schultern. "Das kann sein. Ich glaub's bloß nicht. Ich hab mir bis heute was
vorgemacht, Michael, aber jetzt, da du es auch gemerkt hast ... und es geht schnell, Michael. Schneller als bei
den meisten Mädchen. Bald sehen es alle ..." Michael lief ein paar Schritte von ihr weg, verwirrt, unsicher. Er
schwieg, was Kathleen Angst machte. Schweigen war nicht seine Art. "Freust du dich denn gar nicht, Michael?",
fragte sie leise. "Willst du denn kein Kind?
Ich dachte ... also natürlich ist es zu früh und eine Sünde und eine Schande, und alle Leute werden sich die
Mäuler zerreißen. Aber es ist doch ... wir können endlich heiraten, Michael ! Auch wenn es meinem Vater nicht
passt. Wenn's gar nicht anders geht, wird Father O'Brien ein Wort mit ihm reden. Oder willst du mich nicht
heiraten, Michael?" Kathleens Stimme klang erstickt. Das schien Michael aufzuwecken. Reumütig kam er zu ihr
zurück und nahm sie mit gewohnter Zärtlichkeit in die Arme. "Um Himmels willen, Kathleen, natürlich will ich dich
heiraten ! Nichts mehr als das. Und ich will auch das Kind. Es ist nur ... es ist nur ... zu früh ..." Michael seufzte,
dann straffte er sich. "Pass auf, Kathleen, gib mir zwei oder drei Wochen, ja? Bis dahin bist du dir sicher und bis
dahin ... inzwischen organisiere ich was. Ich bring das Geld für Amerika auf, Kathleen, ich will nicht hier zu
Kreuze kriechen und vor den Priester geschleift werden wie ein armer Sünder. Ich will nicht, dass sie über dich
reden jetzt noch nicht ! Später natürlich schon, wenn wir ihnen Geld schicken aus Amerika oder sie besuchen,
und du trägst seidene Kleider und ein samtenes Hütchen !" Er lachte. "Ja, das würde mir gefallen ! Wir fahren mit
einer Kutsche und zwei Pferden durch dieses armselige Kaff und lachen auf Trevallion herunter, oder wir kaufen
die ganze Weizenernte seines verdammten Lords auf und verteilen sie an die Leute !" Kathleen konnte nicht
anders, sie lachte mit. "Und ob dir das gefallen würde, Michael Drury. Du bist ein Aufschneider ! Aber mir wird's
schon reichen, wenn uns der alte O'Rearke mit seinem Eselskarren zur Kirche fährt, und ich komm als Mrs. Drury
wieder raus !" Michael küsste sie.
"Diese spezielle Kirche und diesen besonderen Esel kann ich dir nicht versprechen, Liebste. Aber eine Kirche
finden wir, wo wir in Würde und Stolz den Bund der Ehe schließen können !" Er richtete sich auf und schien dabei
um etliche Zoll zu wachsen. "Ich, Michael Drury, werde Vater ! Ein erhebendes Gefühl ! Und ich weiß auch
schon, dass es ein Sohn wird. Ein hübscher Junge mit meinem Haar und deinen Augen ..." Seine Augen
strahlten jetzt so freudig, wie Kathleen es erhoffte, seit sie die Schwangerschaft erahnte. "Und wenn's ein
Mädchen wird?", fragte sie trotzdem provozierend. "Magst du's dann gar nicht, Michael Drury?" Michael wirbelte
sie lachend herum. "Wenn's ein Mädchen wird, müssen wir noch schneller reich werden. Um einen Turm zu
bauen, in dem wir sie einmauern können. Denn deine Tochter wird so schön werden, dass jeder Blick auf sie
einen Menschen lähmt und zu ihrem Sklaven macht !" Hand in Hand wanderten sie über die Felder am Fluss und
träumten von ihrem neuen Leben. Kathleen mochte nicht daran denken, wie Michael das Geld für die Reise und
die Hochzeit auftreiben wollte. Sie wusste nur, dass sie ihm vertraute. Sie wollte sie musste ihm vertrauen !
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Sarah Lark, geboren 1958, arbeitete lange Jahre als Reiseleiterin. Ihre Liebe für Neuseeland entdeckte sie schon früh. Seine atemberaubenden Landschaften haben sie seit jeher magisch angezogen. Ihre fesselnden Neuseelandromane sind Dauerbrenner auf der Taschenbuch-Bestsellerliste. Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Sie lebt in Spanien und arbeitet zurzeit an ihrem nächsten Roman. Unter dem Autorennamen Ricarda Jordan entführt sie ihre Leserinnen auch ins farbenprächtige Mittelalter (Die Pestärztin).